24.10.2018

Grenzübergreifende Zusammenarbeit

Kolping-Bildungswerk: „Steindorf kocht…“ wurde zu Lernstunden der kommunalpolitischen Bildung und des europäischen Gedankens

Schon bei der Vorstellung des sechs-gängigen Abendmenüs gab es erwartungsvolle Blicke. Und dann erst der Nachtisch, ein Beeren-Potpourri mit Konfekt …„nicht gesund aber lecker“ machte Hobbykoch Ralf Steindorf Appetit auf einen kulinarisch-politischen Abend. In Kooperation mit dem Kolping-Bildungswerk hatte er drei Bürgermeister aus dem deutsch-niederländischen EUREGIO-Verband zum „Steindorf kocht…“ eingeladen.

Moderator Jürgen van Deenen vom Kolpingwerk begrüßte in der vollbesetzten Vorführküche des Coesfelder Möbelhauses Stall.

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Auf Einladung des Kolping-Bildungswerkes kochte (v. li.) Ralf Steindorf mit Heinz Öhmann (Bürgermeister Coesfeld), Moderator Jürgen van Deenen, Mechtild Schulze Hessing (Bürgermeisterin Borken) und Joost van Oostrum (Bürgermeister Berkelland / NL).

Joost van Oostrum, Bürgermeister der Gemeinde Berkelland (ca. 44.000 Einwohner) in der niederländischen Provinz Gelderland. Berkelland wurde 2005 durch die Zusammenlegung von vier Gemeinden gebildet. 

Mechtild Schulze Hessing, Bürgermeisterin der Stadt Borken (43.500 EW).

Heinz Öhmann, Bürgermeister der Stadt Coesfeld (37.000 EW). 

„Die Deutschen fahren zur Nordsee und vergessen unsere schöne Region, die wir gern mit ‚das andere Holland‘ bezeichnen“, antwortet Joost van Oostrum auf die Moderatorenfrage zum Tourismus. Und Heinz Öhmann kontert scherzhaft: „Unsere Baumberge sind die ersten Berge, die die Niederländer unterwegs zu sehen bekommen.“ Alle drei Kommunen arbeiten weiter daran, das in den Niederlanden erfolgreiche Knotenpunktsystem, mit dem alle Radwege verbunden sind, miteinander zu vernetzen, auszubauen und grenzdurchgängig anzubieten. Neben dem Tourismus werden auch in anderen grenzübergreifenden Zusammenarbeiten einige Millionenprojekte in der Euregio gemeinsam umgesetzt. Gleichwohl gibt es viele Unterschiede bei den deutschen und niederländischen Kommunen mit ihren flachen Hierarchien, wie sich bei den Antworten auf die vielen Publikumsfragen der hoch interessierten Gäste zeigen sollte:

Digitalisierung: „Da sind uns die Niederländer weit voraus“, räumt Mechtild Schulze Hessing ein. Wichtig ist ihr, dass die analoge Kommunikation mit den Bürgern möglich bleibt. „Wir müssen gestalten, nicht dass die Digitalisierung uns gestaltet.“ In Joost van Oostrums Rathaus sind bereits viele Prozesse digitalisiert. Jeder Bürger erhält eine Identifikationsnummer, mit der er ohne Wartezeiten in den Rathausfluren seine städtischen Dienstleistungen per Heimcomputer regeln kann. „Meine Einwohner treffe ich allerdings kaum noch im Rathaus. Wir haben eine gut genutzte WhatsApp eingerichtet, über die mich jeder direkt erreichen kann“, so der Bürgermeister von Berkelland. 

Schnelles Internet: Heinz Öhmann merkt zwei Gründe an für den langsamen Glasfaserausbau. Die seinerzeitige Privatisierung der Telekom und den „möglicherweise übertriebenen Datenschutz. Die Niederländer gehen hiermit wesentlich unbefangener um“. „Jede Kommune muss hier einzeln schauen“, so Mechtild Schulze Hessing. „Und das Vorankommen wird durch ein Sammelsurium von Anbietern erschwert.“

Vieles werde in den Niederlanden zentral gesteuert und damit einfacher umsetzbar, nennt sie am Beispiel Hochwasserschutz ein weiteres komplexes Thema. „Das Wasser kennt keine Orts- oder Landesgrenzen, wir können dies nicht allein regeln, müssen es aber.“ 

Rechtspopulismus: Joost van Oostrum spricht aus, was alle drei Bürgermeister absolut eint: „Wir werden ihnen keinen Raum geben!“ Und „die Erniedrigung von Minderheiten werden wir nicht zulassen“, so Bürgermeister Öhmann und nennt das für Coesfeld aktuelle Thema Bau einer Moschee. „Genauso wie wir Christen Orte unseres Glaubens haben, sollten wir dies auch unseren anders gläubigen Mitbürgern zugestehen. Ich bin dankbar, dass die Kirchengemeinden in Coesfeld gute Kontakte auch zu anderen Religionsgemeinschaften pflegen.“

Handel contra online: Mechtild Schulze Hessing wünscht sich seitens der Landesplanung mehr Handlungsfreiheit für die Städte. „Die Politik muss sich darauf einstellen und nicht aussitzen.“ Es brauche zudem nette Lokale und qualitative Geschäfte zur Innenstadt-Attraktivität. 

Im Gegensatz zur deutschen vielfach dezentralen Ansiedlung von Supermärkten oder Einkaufszentren berichtet Joost van Oostrum von seiner städteplanerischen Konzentration des Zentrumshandels nach dem Spiegelei-Prinzip: „Wir haben unsere Supermärkte bewusst in’s Zentrum geholt, drumherum mit vielen kostenfreien Parkplätzen. Nach dem Einkauf kann man noch schnell in die City laufen.“ Moderator Jürgen van Deenen bringt die häufig unterschiedlichen Öffnungszeiten der Innenstadtgeschäfte ein, „die ja nicht gerade zur Attraktivitätssteigerung eines Stadtbummels beitragen“. Doch das stehe in der Alleinverantwortung der Händler und Geschäfte. 

Apropos Öffnungszeiten: Während in Deutschland derzeit um jeden verkaufsoffenen Sonntag kontrovers diskutiert, bei Innen- wie Außenbereichen selektiert wird und an Kombination mit Traditionsveranstaltungen gebunden ist, zuckt Joost van Oostrum nur mit dem Schultern. „In Holland haben unsere Geschäfte ganz selbstverständlich auch sonntags und sogar an Feiertagen bis spät abends offen. Die Kundenfrequenz spricht da für sich.“ Und wie sei es mit der Akzeptanz seitens christlicher Werteorientierung, fragt van Deenen. „Es gibt keine Einwände, alle Parteien sind bei uns mit den verkaufsoffenen Sonntagen einverstanden. Auch die christliche.“

Coesfelds Bürgermeister hat da eine andere klare Meinung: „Wir wollen keine Erweiterung. Ich trete ein für vier verkaufsoffene Sonntage, die zu den Traditionsveranstaltungen beibehalten werden.“ Für die Borkener Bürgermeisterin wäre es schöner, „wenn man flexibler sein und verkaufsoffene Sonntage ohne große Events anbieten könnte.“

Geschlechter-Parität: Eine Publikumsfrage nimmt das 100-jährige Wahlrecht zum Anlass. Die Antwort von Joost van Oostrum ist deutlich: „Bei uns gibt es für Berkelland vier Beigeordnete. Drei davon sind Frauen!“ Der Gemeinderat ist mit zwei Drittel Männern und ein Drittel Frauen besetzt. In der Coesfelder Stadtverwaltung sind 320 Mitarbeiter beschäftigt. Davon 47 Prozent Frauen und 53 Prozent Männer, und Heinz Öhmann erläutert, „je jünger die Mitarbeiter, umso mehr Frauen. Auch bei Stellenausschreibungen melden sich erfreulich viele Frauen.“ Die Arbeitszeitmodelle seien sehr flexibel, „früher war es die Kindererziehung, heute verstärkt die Pflegetätigkeit, für die nach wie vor noch Frauen Flexibilität benötigen“. Da könne man seitens der Stadt als Arbeitgeber hierdurch Unterstützung anbieten. Anders beim Stadtrat, dort seien „letztlich die Parteien verantwortlich, Frauen aufzustellen.“

Die Bürgermeisterin von Borken weiß, dass in NRW weniger als zehn Prozent ihrer Geschlechtsgenossinnen ebenfalls Bürgermeisterinnen sind. „Auch in den Stadtparlamenten haben wir noch eine Menge Arbeit“, so Mechtild Schulze Hessing, die übrigens 1995 die erste hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte beim Kreis Borken war. Man sei noch lange nicht im gesellschaftlichen Gleichgewicht, allerdings „kann das nur gelingen, wenn Frauen und Männer dies als gemeinschaftliche Aufgabe anpacken.“

Die guten Geister in der Küche, darunter das eingespielte Team der Kolpingsfamilie Billerbeck sowie Max Steindorf, Christopher van Deenen und Lisa Bolte, sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Noch bis 23 Uhr saß man an diesem Abend beisammen, der im besten Sinne zur Förderung der kommunalpolitischen Bildung und des europäischen Gedankens diente. Die „Berkelconnection“, wie Ralf Steindorf seine hohen Gäste als kompetente Gesprächspartner bezeichnete und die sich gern für’s Essen zum Publikum setzten, das Spüppchen vom Kräutersaitling, die Gourmentspießchen, die Kabeljaufilets mit Quinoamix, der gebackene Feta und eben diese sündhaften Leckereien zum Nachtisch ließen diesen „Steindorf kocht…“ im schönen Ambiente des Küchenstudios Stall in Coesfeld wieder einmal zu einem perfekten Abend bei Kolping werden. 

Für die nächste Veranstaltung am 15. März gab es direkt die ersten Anmeldungen.

Text und Fotos: Rita Kleinschneider


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Diana Schmidt
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